Unterwegs auf dem Kungsleden

440 km zu Fuß von der arktische Wildnis ins Hochland Nordschwedens, das ist Trekking auf dem Kungsleden. Im August 2021 ergriff ich die Gelegenheit und setzte meine Wanderstiefel auf diesen Weg. Dem ganzen Alltag entfliehen und nur alleine in der Wildnis unterwegs. Alles was man braucht trägt man selbst mit sich.

Jeder der sich über Trekkingtouren in Europa informiert, stolpert irgendwann über den Kungsleden, vor allem auf den nördlichen Teil zwischen Abisko und Hermavan. Der Reiz, er führt durch eine der abgelegensten Gegend Europas, gleichzeitig verfügt er über eine sehr gute Infrastruktur. Neben der Möglichkeit sein Zelt, dank des Schwedischen Jedermannsrecht, fast überall aufzustellen, gibt es einige bewirtschaftete Hütten. Für die zahlreichen Seequerungen auf der Stecke kann man Motorboote nutzen. Darüber hinaus führt der Weg an zahlreichen Stellen vorbei, an denen man die Wanderung abbrechen und zurück in der Zivilisation gelangen kann.

Für mich stand fest, dass ich den Komfort der Hütten nicht nutzen wollte, da für mich der Reiz ja genau darin besteht alleine in der Natur zu sein. Hinzu kommt, dass es auf einigen Etappen keine Hütten gibt und man somit sein Zelt eh mitnehmen muss.

Anreise aber Umweltfreundlich

Klassisch geht man den Kungsleden von Nord nach Süd. Umgekehrt ist zwar auch möglich, jedoch kann sich die ein oder andere Querung der Seen schwieriger gestalten.

Der Nördliche Ausgangspunkt ist Abisko, jenseits des Polarkreises gelegen. Um hierher zu gelangen gibt es von Deutschland aus prinzipiell drei Möglichkeiten.

  • Mit dem Flugzeug kann man über Stockholm nach Kiruna fliegen und dann mit dem Bus nach Abisko.
  • Mit dem Flugzeug nach Stockholm und dann mit dem Nachtzug direkt nach Abisko
  • Per Nachzug nach Stockholm und dann mit einem weiterem Nachtzug weiter nach Abisko

In Anbetracht der Klimakrise und der existierenden Möglichkeit die ganze Anreise mit dem Zug zu bewältigen, entschied ich mich für diese Option. Ein weiterer Vorteile: so kann man den Brennstoff für den Campingkocher gleich von Zuhause aus mitnehmen, man muss keine Angst um seine Ausrüstung haben, dass sie verloren oder beschädigt wird und man spart sich einige stressige Umstiege. Zudem war die Anreise mit dem Zug auch günstiger als mit dem Flugzeug.

Die Anreise dauerte insgesamt ca. 36 Stunden. Von München brachte mich ein ICE nach Hamburg. Von hier aus ging es mit dem Snälltaget Nachtzug nach Stockholm und dann mit dem zweiten Nachzug direkt nach Abisko. Hier kam ich am Vormittag an, so dass ich gleich mit der Wanderung beginnen konnte. Der Bahnhof Abisko Turiststation hält direkt am Abisko Nationalpark und damit am Startpunkt des Weges.

Etappen

Die Etappen für die 440km kann man sich weitgehend frei einteilen es gibt nur drei Punkte zu beachten: das Zelten ist im Abisko Nationalpark nicht erlaubt, so dass man diese Stecke mit ca. 16km an einem Tag bewältigen muss, die Abfahrtszeiten der Boote und des Busses von Vakkotavare nach Kebnats und nicht zuletzt wo man seine Proviant auffüllen kann.

Meine Vorplanung bestand aus 19 Etappen mit je etwas mehr als 20km. Einerseits erschien mir das als durchaus realistisch aber auch als herausfordernd. Pausentage sollten je nach Bedarf eingelegt werden. Ob das alles so klappt, weiß man aber es erst, wenn man auf dem Weg ist, denn in der Realität zählt nun einmal die Wegbeschaffenheit, das Wetter und auch die tatsächliche körperliche Ausdauer mit dem Gepäck.

1. Teil: Von Abisko nach Vakkotavare

Der Kungsleden begrüßte mich mit bestem Wetter, die Sonne lachte über dem blauen Himmel über der arktischen Tundra und den niedrigen Birkenwäldern. Nachdem ich mich am Bahnhof kurz sammelte und meinen Rucksack zum Wandern bereit machte, ging es auch schon los. Nachdem ich den richtigen Pfad zum Kungsleden gefunden hatte, schlängelte sich der Weg entlang des Flusses in den Abisko Nationalpark. Der Weg hier ist wirklich gut ausgebaut, da auch viele Tageswanderer im Park unterwegs sind. Im Park ist das Campen nicht erlaubt, daher galt es den Park komplett zu durchqueren. Kurz nach dem Park gibt es an einem Fluss einen größeren Campingplatz, den alle ansteuern, die an diesem Tag den Kungsleden beginnen. Hier hat es sich ausgezahlt, nicht zu viel Zeit auf dem Weg zu verlieren, um noch einen guten Platz für das Zelt zu finden.

In der Früh verließ ich den Campingplatz mit vielen der anderen Wanderer, die sich dort niedergelassen hatten. Aber zum Glück verteilt sich das recht schnell, so dass man zwar immer wieder andere sieht aber im Großen und Ganzen ungestört wandern kann. Der Weg wird im Vergleich zum Park etwas anspruchsvoller, da er enger, ab und an felsig oder auch sehr matschig wird. Nach einer kurzen Passage eines Bergrückens entlang, betrat ich ein neues Tal, durch dessen Mitte sich ein Fluss schlängelt und mehrere Seen füllt. Diesem folgt man immer weiter hinein. Am Ende des größten Sees (den man auch mit einer Bootsfahrt abkürzen kann) passierte ich die Alesjaure Fjällstuga und ging noch einige Kilometer weiter. An einem schönen Fleck konnte ich dann mein Zelt an einem einsamen Fleck aufbauen und so wirklich in der Wildnis ankommen, ehe mich einsetzender leichter Regen ins Zelt trieb.

Am dritten Tag begrüßte mich auf meinen ersten Metern eine Gruppe Rentiere, die den Weg kreuzten. Anschließend hieß es den Tjäktjapasset (Pass) zu erklimmen. Auf dem Weg wurde es immer steiniger. Nach der Abzweigung zur Tjäktja Fjällstuga mussten die letzten Kilometer zum Pass auf einem Geröllfeld überquert werden. Zum Glück lagen hier streckenweise Bohlen, die einem den Weg wesentlich erleichterten, aber dennoch den ein oder andern Balanceakt abverlangen. An Campen auf diesem Abschnitt ist gar nicht zu denken. Die Anstrengung wird aber mit einem phänomenalen Blick in ein wunderbar grünes Tal belohnt, der zu einer ausgedehnten Mittagspause einlädt.

Nach einer kurzen steilen Abwärtspassage ging es in diesem Tal einem Fluss entlang vorbei an der Sälka Fjällstuga. Spätestens nach diesem Tag habe ich die herausfordernden Wegverhältnisse zusammen mit meinem schweren Rucksack in den Füßen gespürt, aber im zu erwartenden und erträglichen Maße. Der doch immer wieder mit Felsbrocken durchsetzte Weg war ein ständiges auf und ab.

Angetrieben von meinem ehrgeizigen Etappenplan stand für den vierten Tag eine an die 30 km lange Etappe auf dem Programm. Zurückblickend war dies wohl mein größter Fehler diese nicht in zwei Etappen zu teilen, aber dazu später mehr. Zuerst ging es vorbei an der Sälka Fjällstuga dem Fluss entlang und über eine Hängebrücke auf einen matschigen Pfad zur Kaitumjaure Fjällstuga. Auf dem Weg zum Teusajaure musste ich noch einen Berg überwinden. In Ermangelung einer Wasserquelle kurz vor dem Abstieg zur Hütte, stellte ich am Ende eines sehr langen und anstrengenden Tages (10:34h) mein Zelt an der STF-Hütte auf. Dies ist leider nur gegen Gebühr möglich. Immerhin hatte ich den Vorteil für den Bootstransfer in der Früh gleich an Ort und Stelle zu sein.

Auf der letzten Etappe dieses Abschnitts musste der Berg auf der anderen Seite des Sees nach Vakkotavare überschritten werden. Dort galt es den Bus, der zweimal täglich fährt, zu erreichen, da der Weg erst wieder in Kebnats weiter geht. Nachdem man mit dem Boot übergesetzt ist, schlängelt sich der Weg hier durch einen lichten Birkenwald, bevor man auf einem Hochplateau mit kleinen Bächen ankommt. Der Abstieg führt entlang einer Schlucht mit schönen Ausblicken auf den Bach, der sich hier in die Landschaft geschnitten hat.

Zurückblickend würde ich sagen, dass ich diesen Abschnitt lieber in sechs, statt in fünf Tagen gemacht hätte. Am Ende war ich hier schon sehr erledigt, die Anstrengung machte sich auf vielen Ebenen bemerkbar. Meine Füße schmerzten, auf Grund meines Tempos, der Strecke und des Rucksackgewichts. Dies veranlasste mich schon hier, meine Planung für den kompletten Weg in Frage zu stellen. Einerseits ob die Etappen so einzuhalten sind und ob ich auf Grund meines Zustands den kompletten Weg bewältigen könnte. Ich beschloss, dass ich auf jeden Fall noch den nächsten Abschnitt gehen werde und dann weiter sehe. So hätte ich immerhin fast die Hälfte des Weges geschafft.

2. Teil: Von Kebnats nach Kvikkjokk

In Kebnats, nach der Busfahrt und einer Bootsüberfahrt angekommen, wird man von einer gewaltig großen Fjällstation begrüßt. Dabei handelt es sich nicht mehr nur um eine einfache Hütte wie sonst auf dem Weg, sondern um ein größeres Gelände mit allerhand Hütten und einem größeren Shop um seinen Proviant aufzustocken (zu entsprechenden Preisen). Hier schlug ich dann das Lager im Umfeld auf. Wie ich im Nachgang von anderen Wanderern erfuhr, hätte es hier auch die Möglichkeit gegeben zu duschen. So musste ich mich mit meiner Katzenwäsche in den Flüssen und Bächen zufrieden geben.

Bei bestem Wetter ging es zum Sitojaure, dabei ging es nach dem Anstieg größtenteils auf einem Hochplateau entlang bis man zu dem See hinabsteigt. Leider gibt es auf dem Weg nur wenige Wasserquellen. Gerade beim Abstieg findet man kein Wasser. Da ich meine Wasservorräte auf die eher zahlreich verfügbaren Wasserquellen ausgelegt hatte, kam ich sehr durstig am Bootsanleger an. Nach einer schönen Bootsfahrt konnte ich mein Zelt direkt am Ufer des Sees aufschlagen, dies ist auch der einzig gute Campingspot auf dieser Seite des Sees. Hier konnte ich mir dann entweder das Wasser aus dem See oder aus einem Bach holen, der einige hundert Meter entfernt war. Dies sind aber die einzigen Wasserquellen bis zum Aktse. Gelernt von meinem Fehler aus der vorherigen Sektion beendete ich meine Etappe hier anstatt wie geplant bis Aktse weiter zu gehen.

Auf dem Weg nach Aktse hieß es gleich zu Beginn, einen sehr steilen Anstieg zu meistern. Anschließend ging es aber sehr gemütlich auf dem Plateau weiter. Die Sonne meinte es an diesem Tag wieder gut und brannte richtig herunter. Kurz bevor der Abstieg zum Aktse richtig steil wird, kann man einen Abstecher zum Aussichtspunkt Skierfee machen. Von dort soll sich ein wunderbarer Ausblick auf das Tal mit Flussdelta und See ergeben. Ich verzichtete jedoch auf diesen Umweg. An der Abzweigung schlagen auch viele ihr Camp auf. Jedoch gibt es eine Wasserquelle erst wesentlich weiter bergab.

Nach der Bootsüberfahrt über den Aktse ging es noch ein paar Kilometer weiter bis ich zusammen mit ein paar anderen Wanderinnen unsere Zelte an einem idyllischen Ort an einem Bachlauf aufstellte. Mit der Bootsüberfahrt änderte sich auch die Vegetation dramatisch. Wo es zuvor in erster Linie niedrige Birkenwälder und arktische Tundra waren, erstreckte sich nun ein Fichtenwald.

Die letzten beiden Etappen gingen größtenteils durch Wald, wobei hier auch einige anspruchsvolle und felsige Passagen überwunden werden mussten. Im Regen könnte sich das als noch wesentlich herausfordernder darstellen. Für das Nachtlager fand ich eine wunderbare Stelle gleich neben dem Weg direkt an einem See. Hier konnte ich den Tag wunderbar ausklingen lassen.

In Kvikkjokk kann man sein Zelt gleich hinter der Fjällstation aufstellen. Hier beendete ich dann auch meine Wanderung auf dem Kungsleden mit einem weinenden und einem lächelnden Auge. Zum einen hatte ich mein Ziel, den Kungsleden komplett zu gehen, nicht erreicht, da meine Füße einfach durch waren und jeder weitere Schritt mit Schmerzen verbunden war und andererseits weil ich es doch geschafft hatte alleine ohne Hilfe in 9 Tagen 190 km mit über 4000 hm zurückgelegt zu haben. (Zudem war der Shop in der Fjällstation geplündert, so dass ich meine dringend nötigen Vorräte nicht hätte auffüllen können. Ein Wink des Schicksals?)

Von Kvikkjokk ging es dann mit dem sehr frühen Bus nach Jokkmokk und dann nach Östersund, um wieder mit dem Zug zurück in die Heimat zu fahren.

Fazit

Allem in allem war es eine sehr schöne Trekkingtour, auch wenn das Abbrechen etwas an meinem Ego kratzt. Mit dem Wetter hätte ich es nicht besser treffen können. So gut wie kein Regen und wenn dann eigentlich nur nachts.

Ich habe aber auch viel über mich und über die richtige Herangehensweise an so eine große Tour gelernt: lieber mal Pausentage machen (1 pro Woche), sich nicht strikt zu einer Etappenplanung halten und lieber etwas langsamer machen, sich besser über Wasserquellen informieren und Zeit zum Campingspot finden einplanen. Und nur wer das Abenteuer wagt, kann am Ende von seinen Erfahrungen profitieren.

Der Kungsleden hat wirklich viel zu bieten, landschaftlich wie sportlich. Aber ich war dann doch überrascht, wie viele Leute auf ihm unterwegs sind zumindest in den ersten beiden Sektionen. So begegnet man ständig anderen Wanderern und es ist fast unmöglich, sein Zelt nicht in Sichtweite anderer Wanderer aufzustellen. So einsam ist man also nicht unterwegs.

Würde ich ihn nochmal gehen. Definitiv! Mit meinen neuen Erkenntnissen würde ich etwas entspannter an die Tour heran gehen und so vermutlich auch mein Ziel, den Weg komplett zu gehen erreichen. Vielleicht kann ich in den nächsten Jahren den Weg zu Ende gehen.

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